Tatort Rechnungswesen: der Bilanzfälschung auf der Spur

digital detektiv mit lupe und zigarette

„Bilanzfälschung ist aufwendig.“ Diesen Satz erhielt ich als Rückmeldung in einer Vorlesung vor einigen Jahren. Keine Sorge. Ich hatte in der Vorlesung nicht zur Bilanzfälschung ermuntert. Im Gegenteil. Ziel war, das Interesse der Studierenden an den Bilanzierungsregeln zu wecken.

Mein Interesse für das doch eher spezielle Thema der Bilanzfälschung wurde auch in einer Vorlesung während meines Studiums an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg geweckt. Da erfuhr ich vom Bilanzskandal des badischen Unternehmens Flowtex. Leider muss ich gestehen, dass die Bilanzskandale der letzten Jahre für mein Heimat-Bundesland Baden-Württemberg gezeigt haben: „Wir können alles. Auch Bilanzen fälschen.“

Bei den vielen Fällen von Manipulation von Bilanzen zeigt sich die Kreativität der Täter, der nahezu keine Grenzen gesetzt sind. Investierten sie diese Energie in anderer Weise in ihr Unternehmen, trüge sie zu einem großen Erfolg bei. Oftmals beginnt es mit einem kleinen Verstoß gegen die Bilanzierungsregeln. Da eine Fälschung jedoch immer weitere nach sich zieht, geraten die Täter immer tiefer in den Fälschungssumpf, aus dem es irgendwann kein Entkommen mehr gibt.

„Oftmals beginnt es mit einem kleinen Verstoß gegen die Bilanzierungsregeln. Da eine Fälschung jedoch immer weitere nach sich zieht, geraten die Täter immer tiefer in den Fälschungssumpf.“
– Dr. Carola Rinker

Auf der Suche nach dem passenden Motiv für die Bilanzfälschung

Beim Fälschen von Bilanzen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten:

  1. Der Gewinn wird nach oben gepusht oder
  2. der Gewinn wird als zu gering ausgewiesen, indem die legalen Grenzen deutlich überschritten werden.

Doch warum besteht der Anreiz, den Gewinn zu hoch auszuweisen? Denn schlussendlich bedeutet dies eine höhere Steuerzahlung. Das muss der Bilanzfälscher einfach hinnehmen. Alles kann auch er nicht haben. Bei der illegalen Gewinnerhöhung soll beispielsweise eine

  • drohende Überschuldung vermieden,
  • ein Börsengang vorbereitet oder aber
  • das Rating verbessert werden.

Nicht nur für einen Börsengang soll die Braut möglicherweise geschmückt werden. Auch zur Vorbereitung eines Verkaufs gibt es zahlreiche Fälle von gefälschten Bilanzen.

In den meisten Beispielen der Vergangenheit wurde der Gewinn zu hoch ausgewiesen. Dennoch kann der Anreiz auch in einer Gewinnschmälerung liegen. So soll beispielsweise die drohende Erbschaftssteuerzahlung beim Übergang in die nächste Generation vermieden werden. Oder aber das Ziel ist, Tarifverhandlungen zu begünstigen. Auch die Erleichterung von Maßnahmen zum Personalabbau erfreut sich hier reger Fälschungs-Beliebtheit.

Täterbeschreibung: Wer sind die Bilanzfälscher?

Der typische Bilanzfälscher ist kein Straftäter im klassischen Sinne. In den meisten Fällen von Bilanzfälschung handelt es sich um Ersttäter ohne kriminelle Energie. Er hat ein Unrechtsbewusstsein für seine begangenen Taten und versucht diese vor sich zu rechtfertigen. In der Regel kann davon ausgegangen werden, dass es sich nicht um Einzeltäter handelt. Zumindest ein Mitarbeiter in der Buchhaltung muss entsprechend „eingeweiht“ sein, um die fiktiven Buchungen durchzuführen.

Neben einem Anreiz bzw. dem Druck zur Bilanzfälschung müssen die Täter auch die Gelegenheit dazu haben. Die persönliche Situation des Täters oder aber die wirtschaftliche Lage des Unternehmens begünstigen dies. Eine Gelegenheit ergibt sich vor allem dann, wenn

  • die Überwachung im Unternehmen wirkungslos ist oder
  • wenn das interne Kontrollsystem erhebliche Schwächen aufweist.

Möglichkeiten zur Finanzmanipulation ergeben sich daher beispielsweise bei einer fehlenden Kontrolle der Zahlungsfreigabe. So gab es immer wieder Fälle, in denen sich einzelne Mitarbeiter entsprechende Gelder auf ihr Privatkonto umgeleitet hatten.

Bilanzskandal: Firma Flowtex aus Baden-Württemberg

Die aufgedeckten Fälle der Vergangenheit haben auch gezeigt: Die Täter genießen zumeist einen hohen sozialen Status und eine entsprechende gesellschaftliche Anerkennung. Dies bestätigt auch der Film „Big Manni“, der an den realen Aufstieg und den Fall der badischen Firma Flowtex über den größten Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte angelehnt ist. So fühlten sich die Eingeladenen geehrt, wenn sie mit Firmenchef Manfred Schmider alias Big Manni zu einem sogenannten „feuchten Mittagessen“ über die Grenze ins nahegelegene Elsass fliegen konnten.

In der Dokumentation „Big Manni – Big Money“ sprechen ehemalige Mitarbeiter von Flowtex begeistert von der legendären Feier des 50. Geburtstages des Firmenchefs. Auch die Mitarbeiter des Unternehmens waren bei der Feier auf dem luxuriösen Anwesen von Big Manni eingeladen und servierten als Crew verkleidet Getränke.

Ich muss ehrlicherweise zugeben: Beim Interview mit Manfred Schmider im Making of zum Spielfilm konnte auch ich mir eine gewisse Sympathie für ihn nicht verkneifen. Genau dieser Charme hat dafür gesorgt, dass einige Banken bei den vorgelegten Unterlagen zwei Augen zugedrückt haben.

Bilanzfälschung: Und am Ende ist es einer gewesen

Sofern ein Bilanzskandal wie der von Flowtex öffentlich wird, stellt sich häufig die Frage: Hat denn niemand etwas gemerkt? Dies ist eher unwahrscheinlich. Es gibt eine Vielzahl an Warnsignalen, die auf gefälschte Bilanzen hindeuten können. Doch aufgrund eigener Interessen oder Karriereziele will ein Einzelner die Wahrheit vielleicht gar nicht wissen. „Die Leute glauben nicht, was sie sehen, sie sehen, was sie glauben.“ Dieser Satz entstammt dem Film „Big Manni“: Das erfährt ein kritischer Polizist am eigenen Leib, als er bei seinem Eifer, Manfred Schmider eine begangene Straftat nachzuweisen, auf wenig Gegenliebe trifft. Im Einzelfall sicherlich verständlich: Der Aufstieg von Flowtex hat für einige den eigenen Aufstieg auf der Karriereleiter bedeutet.

„Für eine Aufdeckung kann die Gehaltsstruktur der Mitarbeiter sehr aufschlussreich sein.“
– Dr. Carola Rinker

Für die Aufdeckung einer Fälschung kann die Gehaltsstruktur der Mitarbeiter sehr aufschlussreich sein. Mittäter erhalten oftmals ein auffallend hohes Gehalt im Vergleich zu ihren Kollegen. Quasi als „Schweigegeld“. Dieses Schweigegeld wird entsprechend für den privaten Konsum eingesetzt. Auffallend ist daher auch deren Lebensstil: die teure Rolex oder aber auch der nagelneue Porsche – eher unüblich in der betreffenden Gehaltsklasse.

Bei der Überprüfung der Plausibilität einzelner Sachverhalte verlieren die Fälscher gelegentlich den Hang zur Realität: So hatte ein italienischer Lebensmittelkonzern seine Zahlen derart manipuliert, dass diese einen Milchkonsum von 210 Liter pro Jahr für einen Kubaner auswiesen. Auch bei fingierten Rechnungen für angeblich geleistete Arbeitsstunden finden sich vergleichbare Auffälligkeiten: Die Anzahl an leistbaren Arbeitsstunden eines Mitarbeiters sind höher als die Stunden eines Kalenderjahres. Hier einige weitere beispielhafte Warnzeichen:

  • ein häufiger Wechsel des Wirtschaftsprüfers,
  • Buchungen zu ungewöhnlichen Uhrzeiten,
  • eine hohe Kündigungsrate im Management.

Was natürlich nicht heißen soll, dass in Unternehmen, bei denen viele der Warnzeichen zutreffen, zwangsläufig manipuliert wurde.

Bilanzen fälschen – gewusst wie!

Beim Fälschen von Bilanzen sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Dennoch werden meistens gegen diejenigen gesetzlichen Vorschriften verstoßen, bei denen sich die „Arbeit“ lohnt. Denn zu jeder fiktiven Buchung müssen die entsprechenden Belege sowie weitere Unterlagen gefälscht werden. Wie einer meiner Studierenden bemerkte: „Bilanzfälschung ist aufwendig.“

Neben der Verbuchung von Rechnungen an fiktive Kunden werden beim Fälschen beispielsweise auch nicht-existierende Vorräte ausgewiesen, außerplanmäßige Abschreibungen unterlassen oder aber erforderliche Pensionsrückstellungen nicht gebildet.

Zur Verdeckung der Manipulationen müssen dann entsprechend auch Daten angeblicher Kunden oder Lieferscheine gefälscht werden. Der Nachweis unterlassener außerplanmäßiger Abschreibungen gestaltet sich an dieser Stelle eher schwierig, da in diesem Fall keinerlei Unterlagen vom Unternehmen vorgelegt werden müssen wie beim Nachweis der Lieferung von Waren an einen Kunden. Unterlassene Meldungen an den Pensionssicherungsverein werden nur dann auffallen, wenn die entsprechenden Zusagen an die Mitarbeiter bei der Durchsuchung gefunden werden.

Wer einmal lügt, muss auch zweimal lügen

Bilanzen, Kontoauszüge und Rechnungen können zwar gefälscht werden. Doch langfristig ergibt sich in der Regel das folgende Problem: Mit einem fiktiven Bankbestand lässt sich auch heutzutage noch keine echte Rechnung bezahlen.

In den aufgedeckten Fällen der letzten Jahre war oft sehr deutlich ersichtlich: Die fiktiven Umsatzerlöse oder Vermögensgegenstände wurden im Laufe der Jahre immer höher. Wenn also einmal mit einer Fälschung der Bilanz begonnen wurde, müssen immer weitere Unterlagen und Nachweise manipuliert werden. Der Sumpf wird immer tiefer. Der Ausstieg ist irgendwann nicht mehr möglich.

Der Gewinn kann durch Unterlassung erforderlicher Abschreibungen oder aber die Verbuchung fiktiver Umsatzerlöse mit Scheinfirmen zwar manipuliert werden. Allerdings sorgen fiktive Rechnungen nicht für Geldzuflüsse. Das Liquiditätsproblem wird also immer schlimmer.

Über die Autorin von „Tatort Rechnungswesen: der Bilanzfälschung auf der Spur“

Dr. Carola Rinker ist Unternehmensberaterin und spezialisiert auf die Bereiche Rechnungslegung und Unternehmensbewertung. Sie leitet Seminare im Rechnungswesen zu den Themen

  • BWA lesen,
  • Bilanzen lesen,
  • Bilanzkosmetik
  • Bilanzfälschung sowie
  • Bilanzanalyse

– auch im Rahmen von Einzel-Coachings. Zur Vorbereitung bei Unternehmensverkäufen erstellt die promovierte Volkswirtin Unternehmensanalysen und -bewertungen.

Dr. Rinker hat bereits mehrere Fachbücher veröffentlicht und schreibt regelmäßig Beiträge in Fachzeitschriften. In ihrem FINANCE-Blog „Abgeschminkt“ zeigt Carola Rinker auf, wie Unternehmen ihre Zahlen bilanzkosmetisch beeinflussen. Und wann sie rechtliche Grenzen überschreiten.

Ihre Erfahrungen und ihr Wissen als Bilanzierungsexpertin, Gründerin und ehemalige Aufsichtsrätin in einem Start-up gibt sie seit vielen Jahren als Dozentin und Referentin für Video-Vorlesungen weiter.

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Bilanzen zu fälschen ist ein No-Go – das ist klar. Doch auch unbewusst gemachte Fehler in den aufbereiteten Finanzdaten können ernsthafte Konsequenzen für das Unternehmen haben.

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